Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt

Die Bundesregierung hat im Oktober 2025 eine unabhängige Expertenkommission eingesetzt, die den Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt wissenschaftlich aufarbeiten soll. Im April 2026 liegt jetzt die 128-seitige Bestandsaufnahme vor — die Grundlage für Handlungsempfehlungen, die im Sommer 2026 folgen. Die Ergebnisse sind eindeutig. Und sie betreffen vor allem einen Bereich, den viele noch nicht auf dem Schirm haben: die ganz Kleinen.

Was die Kommission herausgefunden hat

18 Expertinnen und Experten aus Psychologie, Kriminologie, Medienwissenschaft, Pädagogik und Recht haben zwischen Oktober 2025 und Februar 2026 den wissenschaftlichen Sachstand zusammengetragen. Das Ergebnis ist keine Panikmache. Es ist eine nüchterne Bestandsaufnahme mit klaren Leerstellen.

Drei Bereiche sind für den Elementarbereich besonders relevant.

1. Kinder unter drei Jahren sind besonders verletzlich — und das liegt nicht nur am Bildschirm

Die Kommission widmet der frühen Kindheit erstmals auf Bundesebene einen eigenen Abschnitt als besondere Risikogruppe. Der zentrale Punkt dabei: Das Problem ist nicht nur, was Kinder auf dem Bildschirm sehen. Das Problem beginnt beim Smartphone der Eltern.

Die Kommission schreibt:

„Ablenkung der Eltern (‚Technoference‘) kann dyadische Prozesse und ’serve-and-return‘-Interaktionen unterbrechen, d.h. Eltern-Kind-Beziehungen, die responsiv und aufeinander abgestimmt sind. Dies wird mit Risiken für die sprachliche, sozio-emotionale und regulatorische Entwicklung assoziiert. Insbesondere Kinder im Alter von 0 bis 3 Jahren zeigen eine erhöhte Vulnerabilität gegenüber passiver oder unbegleiteter Bildschirmexposition.“

Wenn Eltern während der Interaktion mit ihrem Kind ständig aufs Handy schauen, leidet die Bindung. Das Kind „sendet“ — aber niemand antwortet. Und genau diese Antwort braucht das kindliche Gehirn, um sich gesund zu entwickeln.

Wie früh das beginnt, zeigt die BB3-Studie, die die Kommission zitiert:

19,9 Prozent der Kinder sind bereits im Alter von 5 bis 7 Monaten Bildschirmmedien ausgesetzt. Die elterliche Bildschirmzeit korreliert signifikant mit der der Kinder.“

Jedes fünfte Kind hat also noch vor dem ersten Geburtstag regelmäßig einen Bildschirm vor sich. Und die Eltern, die selbst viel am Bildschirm sind, geben dieses Verhalten direkt weiter.

Auch eine Praxis, die viele Eltern kennen, wird erstmals als Risiko benannt — das Tablet als Schnuller-Ersatz:

Ein zusätzliches Risiko besteht, wenn digitale Medien als Beruhigungsstrategie eingesetzt werden (‚digital soothing‘). Diese Praxis reduziert Möglichkeiten zur Entwicklung adaptiver Selbstregulation und kann affektive Einstimmung beeinträchtigen sowie Reizbarkeit erhöhen.

Die Kommission betont: Bildschirmzeit allein erklärt keine Entwicklungsprobleme. Aber zu frühe, zu intensive oder unbegleitete Nutzung verdrängt reale Lern- und Beziehungserfahrungen. Und bei Familien unter Druck verschärft sich das:

Besonders in belasteten Familiensystemen, etwa bei sozioökonomischem Stress, Wohnraumenge oder begrenzten Betreuungsalternativen, ist das Risiko für eine frühe und exzessive Exposition erhöht.

2. Die Kita wird als Schlüsselort benannt — aber die Fachkräfte sind nicht vorbereitet

Hier wird es für alle interessant, die in Kitas arbeiten oder Kitas betreiben. Die Kommission sagt in aller Deutlichkeit:

Frühpädagogische Fachkräfte sind Vertrauenspersonen für Eltern. Daher stellen Kindertageseinrichtungen ideale Orte zur Anbindung an Elternbildungsangebote dar, auch hinsichtlich des Umgangs mit digitalen Medien und Social Media

Die Kita ist also nicht nur ein Ort, an dem Kinder spielen und lernen. Sie ist der Ort, an dem Eltern erreicht werden können — auch und gerade die, die von selbst nie zu einem Elternabend über Medienkompetenz kommen würden.

Aber — und das ist der entscheidende Punkt — dafür brauchen Erzieherinnen konkretes Wissen:


Ferner benötigen frühpädagogische Fachkräfte professionelle Kompetenzen zum Umgang mit digitalen Medien und Social Media (z. B. technologisches Wissen, Wissen über die schädliche Wirkung von Phubbing, datenschutzrechtliche Implikationen).

Die Kommission benennt also technologisches Wissen, Wissen über Technoferenz und Datenschutz als konkrete Qualifikationsbedarfe. Gleichzeitig stellt sie fest, dass dieses Wissen in der Ausbildung nicht vorkommt:

Hierfür wäre die Verankerung von Medienpädagogik als verpflichtender Bestandteil in der Ausbildung von Pädagoginnen und Pädagogen zielführende Voraussetzung.

Stand heute gibt es das nicht. Medienpädagogik ist kein Pflichtfach in der Erzieherinnen-Ausbildung. Die Folge: Ob eine Kita in diesem Bereich kompetent aufgestellt ist, hängt vom Zufall ab.

3. Die Elternbildung in Deutschland ist ein Flickenteppich — und erreicht die Falschen

Die Kommission findet deutliche Worte für den Zustand der Elternbildung im Bereich Medien:

Die Elternbildungslandschaft zur Medienbildung in Deutschland ist allerdings strukturell zersplittert und in ihrer Reichweite unklar. Trotz zahlreicher bundesweiter, landesfinanzierter und lokaler Initiativen fehlt eine zentrale, verlässliche Anlaufstelle, die Angebote bündelt, Qualität sichert und Orientierung bietet.

Und dann die Diagnose, die jeder kennt, der in der Prävention arbeitet:

Die meisten Angebote erreichen überwiegend Eltern, die ohnehin informiert und sensibilisiert sind, während andere Familien kaum profitieren. Dies verstärkt bestehende Ungleichheiten im Bereich digitaler Teilhabe und Medienerziehung.

Das ist das Präventionsparadox in einem Satz. Wer auf eine Website kommt und sich informiert, braucht die Hilfe am wenigsten. Wer sie am dringendsten braucht, kommt nie an.

Deshalb funktioniert der Weg über Fachkräfte — über Erzieherinnen, über Kinderärzte, über Hebammen. Nicht die Eltern müssen sich das Wissen suchen. Die Vertrauenspersonen müssen es mitbringen.

Die Zahlen dahinter

Die Bestandsaufnahme liefert aktuelle Daten, die das Ausmaß der Herausforderung verdeutlichen.

Nutzungszeiten (JIM 2025, erstmals objektiv gemessen statt per Selbstauskunft): Jugendliche zwischen 12 und 13 Jahren verbringen täglich 166 Minuten am Smartphone. Bei 16- bis 17-Jährigen sind es 249 Minuten. Über vier Stunden. Täglich.

KI-Nutzung: 84 Prozent der 12- bis 19-Jährigen nutzen ChatGPT. 2024 waren es noch 57 Prozent. Die Hälfte nutzt es mindestens mehrmals pro Woche.

Sexualisierte Gewalt: Das BKA verzeichnete 2024 insgesamt 205.728 Hinweise zu kinder- und jugendpornografischen Inhalten. Davon waren 106.353 nach deutschem Recht strafrechtlich relevant. KI-generiertes Missbrauchsmaterial steigt rasant — die Internet Watch Foundation meldete einen Anstieg von 42 auf 210 identifizierte Webseiten innerhalb eines Jahres.

Cybergrooming: Mindestens jeder zehnte junge Mensch ist betroffen. Laut LfM-Folgebefragung 2025 sogar 24 Prozent der 8- bis 17-Jährigen.

Verhaltenssüchte: Etwa 700.000 junge Menschen in Deutschland zeigen pathologisches oder riskantes Computerspielverhalten. Bei der Social-Media-Nutzung sind es rund 1,3 Millionen.

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